|
So oder so ähnlich würde der Protagonist aus dem vierten Teil von
Rockstars Grand Theft Auto Serie seine Situation vermutlich schildern
und aus dem Schwärmen nicht wieder herauskommen – bis er an seinem Ziel
angekommen ist: Denn hier erwartet ihn alles andere als der erhoffte
Ruhm.
Cousin Roman holt Niko am Hafen in Liberty City mit einem alten
klapprigen Taxi ab und sofort merkt der Spieler, dass etwas nicht
stimmt: Roman ist weder reich, noch besonders erfolgreich – und noch
dazu beansprucht er als Gegenleistung für seine Gastfreundschaft in
einer kleinen zwei-Zimmer-Wohnung die Dienste des GTA-Spielers.
Schon sind die ersten Aufträge klar: Fahr dorthin, hole jemanden ab,
bring mich dahin – typisch GTA eben. Ab dem ersten Moment fühlt sich
der Spieler in die Storyline eingebettet. Man hätte zwar die
Möglichkeit, die in Spielgrafik gehaltenen Zwischensequenzen zu
skippen, aber während diese Laufen legt man das Pad für gewöhnlich ein
paar Sekunden zur Seite und lässt sich von Rockstars Kreation
berieseln. Die charismatischen Figuren, egal ob der osteuropäische
rustikale kriminelle Vlad oder der jamaikanische Rastamann Little Jacob
bedienen allesamt so viele Klischees, dass es ungeheuren Spaß macht,
ihnen an den virtuellen Lippen zu hängen.
Freunde und Feinde
Die Kommunikation mit diesen funktioniert in den Meisten Fällen über
das Handy, man wird oft angerufen, kann aber bei allen Bekanntschaften
auch selbst zum Hörer greifen und Fragen ob es Arbeit gibt oder ob man
auf eine Vergnügungstour gehen soll.
Schließlich bieten die sozialen Kontakte in Liberty City weitaus mehr
als Jobs. Per Telefon kann man sich mit ihnen verabreden um das eigene
Ansehen etwas aufzuputschen. Michelle – die erste weibliche
Bekanntschaft des Spielehelden – kann man beispielsweise zum Bowlen und
Trinken einladen, Cousin Niko fragt gern in obszönem Wortlaut nach, ob
man Lust hat, mit in die Stripbar zu gehen – was man als guter
Verwandter natürlich nicht verneinen kann ;-). Auf der Bowlingbahn, im
Dartcenter oder beim Billard hat man die Gelegenheit.
Virtuelle Realität in der virtuellen Realität!?
Neben dem Handy haben die Rockstar-Designer aber auch noch weitere
technische Finessen ins Spiel eingebaut: In Internet-Cafes kann man ins
Internet gehen, beziehungsweise in ein mit kritischen Anspielungen
gespicktes „Nachbau-Internet“. In Partnerbörsen tauschen sich
Fetischisten aus und Spam wandert ab dem ersten Tag in das
E-Mail-Postfach. Natürlich ist das Internet auch für etwas gut:
Aufträge trudeln per E-Mail ein, man bekommt beispielsweise Bilder von
Fahrzeugen zugesandt, die man für einen bestimmten Auftraggeber klauen
soll.
Apropos Aufträge: Eigentlich ist in dieser Hinsicht bei GTA alles beim
alten geblieben, ob das nun gut oder schlecht ist, muss wohl jeder für
sich selbst entscheiden. Persönlich wäre mir etwas mehr Abwechslung –
besonders in den ersten Spielzügen – lieb gewesen. Fahre den dahin,
hole das Schutzgeld dort ein, besorg mir dieses Auto, leg diese Person
um und so weiter und so weiter. Das einzige, was sich ändert, sind die
Auftraggeber. Ab und zu muss man zwar auch mal mit dem Handy ein Foto
machen oder ein Rennen fahren, aber Niko Bellic ist für gewöhnlich ein
Wiederholungstäter.
Back to Reality
Auch wenn GTA IV durch die enorm gelungene Optik, den Nachbau von New
York City und die wahnsinnig lebendigen Charaktere enorm an Realismus
hinzugewonnen hat, rudert Rockstar in Sachen Charaktergestaltung wieder
etwas zurück.
Niko Bellic wird nicht zu fett, wenn er andauernd im nächsten Burger
Shot einen Hamburger einschmeißt – das gibt ihm lediglich wieder etwas
Lebensenergie zurück. Er muss auch nicht seinen Körper im Fitnessstudio
stählen um schneller laufen zu können, sondern bleibt im Laufe des
Spiels einfach er selbst. Für manche Missionen muss man zwar in einer
Boutique in ein anderes Outfit schlüpfen, so komplex wie bei San
Andreas ist das Ganze aber nicht. Natürlich gibt es weiterhin
Waffenläden und Pay’n’Spray-Lackierstationen, um sich den
Fahndungslevel vom Halse zu schaffen, für den Fall das einem das Gesetz
auf den Fersen ist –was nicht so oft vorkommt wie in anderen Teilen der
Spielereihe. Der Fahndungslevel wird wie immer angezeigt und auf der
Minimap wird angezeigt, wie weit man sich von einem Polizeikommissar
entfernen muss, um den Fahndungslevel loszuwerden.
Fahrschule
Ein wichtiger Bestandteil der GTA-Spiele ist grundsätzlich immer das
Fahren mit den etlichen Vehikeln, die sich im Straßenverkehr an den
Schauplätzen bewegen. Wenn man sich das erste Fahrzeug unter den Nagel
reißt wird man vermutlich von der Steuerung enttäuscht sein, beim
nächsten begeistert. Jedes Auto in GTA IV beschleunigt, bremst und
lenkt sich anders, egal ob Motorrad oder Auto. Das macht den
Schwierigkeitsgrad der Missionen teilweise sehr vom Fahrzeug abhängig,
so fällt einem zum Beispiel die erste Motorradmission mehr als nur
schwer. Übrigens: Wenn Niko das erste Mal bei einem Frontalunfall aus
der Frontscheibe geschleudert wird und dabei Energie verliert, schaut
man schon ziemlich blöd aus der Wäsche – und nicht nur der Protagonist
wurde dann vom Detailreichtum des Spiels umgehauen.
Zu den Waffen!
Ebenfalls fester Bestandteil der Serie sind Feuergewichte mit Pistole,
Uzi, Schrotflinte und Co. Insbesondere bei diesen hat Rockstar merklich
Hand angelegt. Auch wenn die Feuergefechte teilweise immer noch sehr
hektisch sind, hat der Spieler durch automatisches Zielen auf
Knopfdruck und durch eine manuelle Alternative genügend Möglichkeiten
um die schießwütigen Gangster ins Jenseits zu befördern.
Wie siehts denn aus?
Bereits die vorab veröffentlichten Bilder von GTA IV sahen derart gut
aus, dass einem das Wasser im Mund zusammenlief. Den gleichen Effekt
hat das Spiel selbst: Die Häuser, die Menschen, die Fahrzeuge, die
Zeitungsständer, das Wasser, die Autobahnbrücken, die riesigen
Hochhäuser, die Wasser speienden Hydranten. Es ließen sich ohne
Probleme noch tausende Objekte aufzählen, die GTA zu einem der
schönsten Spiele aller Zeiten machen – nicht weil jedes Objekt in
Sachen Optik an Grafik-Hämmer wie Crysis ranreichen könnte, sondern
weil die Gesamtheit wie aus einem Guss wirkt. Das neuste Liberty City
ist so detailverliebt, dass man im Prinzip stundenlang an einer Stelle
stehen und die Atmosphäre des Spiels genießen könnte – natürlich kann
man auch einfach die ganze Zeit durch die Gegend fahren, es wird nie
langweilig, auch wenn man mit den rund 40 Stunden Spielzeit einiges zu
tun hat. All das hat natürlich auch seine Schattenseiten: Hier und da
sind leider Pop-Ups zu sehen, den Spielfluss stören diese aber in
keinem Falle. Diese sind auch sowieso schon wieder vergessen, sobald
man nach dem ersten virtuellen Sonnenuntergang das Licht- und
Schattenspiel beobachten durfte.
Wie klingts?
Um die Frage schnell zu beantworten: Grandios! Es ist beeindruckend,
wie GTA den Kopf nicht nur mit einer Hülle und Fülle von bunten Farben
füllt, sondern auch ordentlich etwas auf die Ohren gibt: Man kann den
Mitbürgen in Liberty City beim telefonieren zuhören, sich von wütenden
Passanten anschreien lassen oder sich im Auto mit dem passenden
Radiosender und kernigem Motorensound einfach nur entspannen. Hier ist
die Auswahl groß: Insgesamt finden sich 18 Radiosender im Spiel, die im
Prinzip jeden Musikgeschmack von Rock über Pop und Techno bis hin zu
Hip-Hop und Reggae abdecken. Wenn man sich allerdings auf einen
Radiosender eingeschossen hat, kommt einem die Liedauswahl etwas gering
vor und man hört des öfteren das Selbe – aber man kann ja nicht alles
haben. Dafür sind die Radiomoderationen mal wieder allererste Sahne und
zum Schießen komisch.
GTA-Online!
Ja, es gibt ihn tatsächlich: Einen waschechten Online-Modus in GTA IV –
und der hat es in sich! Hat man das Handy erst mal auf Multiplayer
umgestellt, geht’s quasi sofort los. Eben schnell eingestellt wo man
spielen möchte – je nach Wunsch auch in der ganzen Stadt -, noch kurz
Limitierungen in Sachen Polizeiaufgebot, Verkehrs- und Fußgängerdichte
eingestellt und schon ist man drin, im Liberty City der Online-Welt.
Hierbei hat man im Prinzip alles, was man offline auch haben möchte:
Vehikel zu Land, zu Wasser und in der Luft! Hinzu kommt, dass es
mehrere Abwechslungsreiche Modi gibt, unter anderem Polizei gegen
Gangster, Rennen und Deathmatch. Die Technik macht dem Spieler zum
Glück auch keinen Strich durch die Rechnung: GTA IV läuft auch online
so flüssig, wie man es sich von manchen Spielen mit kleinen Levels
wünschen würde. Eins Plus mit Sternchen für den Online-Modus!
Fazit: Wo soll ich anfangen? GTA IV hat so viel Gutes, dass es im
Prinzip DAS Videospiel des 21. Jahrhunderts ist. Eine solch
detaillierte und große Spielwelt hat es bisher auf noch keinem System
gegeben. Hier stimmt einfach alles: Die Optik ist grandios, der Sound
fesselt einen auf die Couch und die Story beweist, dass Spiele immer
näher an Filme heranrücken. Wenn GTA IV ein Film wäre, hätte es mehrere
Oscars verdient. Der Online-Modus bereitet dem Spieler eine Mordsgaudi,
die Spielzeit ist mehr als ausreichend. Einziger Wehmutstropfen: Etwas
mehr Abwechslung bei den Missionen hätte auch dem altbewährten
GTA-Prinzip nicht geschadet. Trotzdem: Wer GTA noch nicht hat, verpasst
so einiges.
|